Archiv für September 2012

„Marsch für das Leben“ — What the Fuck!

Für den 22. September 2012 mobilisiert der Bundesverband Lebensrecht (BvL) wieder zu einem „Marsch für das Leben“ in Berlin. Damit will er für ein generelles Verbot von Abtreibungen demonstrieren und etikettiert dies als „Lebensschutz“. Wie in den vergangenen Jahren wollen wir die Abtreibungsgegner_innen nicht ungestört demonstrieren lassen!

Die Gruppen und Organisationen, die sich an dem „Marsch“ beteiligen, betrachten jeden Schwangerschaftsabbruch als „vorgeburtliche Kindstötung“, die verboten und bestraft gehöre. Sie sprechen damit allen Menschen, die schwanger werden können, dementsprechend vor allem Frauen_Lesben_Trans* (flt*), das Recht ab, über ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen. Um diese Meinung in der Öffentlichkeit zu verankern, verbreiten die Abtreibunsgegner_innen Unwahrheiten und betreiben Lobbyarbeit.

Die Abtreibungsgegner_innen sind christliche Fundamentalist_innen. Sie kämpfen für eine Gesellschaft, die auf der bürgerlichen Kleinfamilie, Zweigeschlechtlichkeit, einer strengen Sexualmoral, Verbot von Homosexualität und auf „Schicksals”- und Obrigkeitsergebenheit beruht. Die Antifeminist_innen behaupten, sie agierten gewaltfrei, doch – z.B. in den USA und in Großbritannien – blockieren Abtreibungsgegner_innen Kliniken und bedrohen, nötigen und verletzen dabei sowohl Ärzt_innen als auch Menschen, die abtreiben wollen.

Auch in der BRD und Österreich werden flt*, die Abtreibungskliniken aufsuchen, teilweise durch sogenannte „Gehsteigberatung“ eingeschüchtert und bedrängt; Ärzt_innen als „Massentöter“ diffamiert. Gruppen und Personen, die sich für ein liberales Abtreibungsrecht einsetzen, werden beschimpft und bedroht. Dabei können sich die christlichen Fundamentalist_innen einer wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz sicher sein. Dieses Jahr stellt sogar die Deutsche Bahn Fahrkarten zum vergünstigten Pauschalpreis für Teilnehmende des „Marschs für das Leben“ zur Verfügung und sieht dies als „ein völlig normales Angebot“.

Weltweit sind Abtreibungs- und andere reproduktive Rechte umkämpft, von deren Einschränkungen v.a. flt*-Personen negativ betroffen sind. Nach wie vor sterben weltweit jährlich mehrere zehntausend flt* an nicht korrekt durchgeführten – weil illegalisierten – Abtreibungen. In Irland gilt ein absolutes Abtreibungsverbot. In Polen wurde ein solches letztes Jahr nur knapp abgewendet, nachdem sich eine Bürger_inneninitiative dafür eingesetzt hatte. In der Türkei konnten nur durch starken Protest weitreichende Einschränkungen im Abtreibungsrecht verhindert werden.

Anders als oft angenommen, gilt eine Abtreibung auch in der BRD weiterhin als Straftat, die nur unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafrechtlich verfolgt werden darf. Wer abtreiben will, muss sich zwangsweise von staatlich anerkannten Stellen beraten lassen und danach drei Tage warten, bevor der Eingriff vorgenommen wird. Diese Regelung bedeutet eine staatlich institutionalisierte Entmündigung von flt*, die nicht selbst über ihren Körper und ihre Lebensplanung entscheiden dürfen. Die Beratung und Abtreibung muss in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft geschehen – es sei denn, es wird eine „Gefahr für die psychische und physische Gesundheit“ der flt*-Person festgestellt.

Andererseits sind aber „Schädigungen“ des Fötus, die in vorgeburtlichen Untersuchungen festgestellt werden, oft der eigentliche Grund für einen Abbruch nach der zwölften Woche. Dadurch werden flt* immer mehr für die „Gesundheit“ und „Qualität“ ihres Nachwuchses zur Verantwortung gezogen und zu solchen Untersuchungen gedrängt. Dass sie ein Recht auf Nichtwissen haben, wird meist nicht erwähnt. Ein Gentest mit dem Blut der Schwangeren auf Trisomie 21 soll in diesem Jahr auf dem deutschen Markt zugelassen werden. Dieser wird den Druck zur Selektion auf Schwangere noch erhöhen.

Wir dagegen streben eine Gesellschaft an, in der weder religiöse Moralvorstellungen, gesellschaftliche Normierungen noch staatliche Zugriffe über das Leben und den Körper von Menschen bestimmen. flt* sollen auf Grund einer Abtreibung weder gesundheitliche noch rechtliche oder wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen müssen. Die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft soll ohne Eingriff oder Belehrungen des Staates und ohne Angst vor moralischer Verurteilung möglich sein. Um die Rahmenbedingungen für eine weitreichende Selbstbestimmung über den eigenen Körper herzustellen, muss nicht nur Abtreibung legalisiert werden, sondern auch der Zugang zu Verhütungsmethoden – wie der „Pille danach“, die in Deutschland immer noch nicht rezeptfrei, d.h. ohne Bittsteller_innentum, erhältlich ist – ermöglicht werden.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der eine „Behinderung“ kein Problem oder Mangel darstellt. Kein Mensch soll sich „verpflichtet” fühlen abzutreiben, weil eine Behinderung des späteren Kindes wahrscheinlich erscheint.
Wir rufen dazu auf, dem Marsch der Fundamentalist_innen laut und mit vielfältigen Aktionen entgegenzutreten und fordern:
• Streichung des Paragraphen §218 aus dem Strafgesetzbuch
• Entscheidungsfreiheit für oder gegen eine Abtreibung ohne Bevormundung
• Kostenlosen und (rezept-)freien Zugang zu allen Verhütungsmitteln für alle Menschen, auch zur „Pille danach“
• eine Anerkennung der freien Selbstbestimmung

Weitere Infos unter https://no218nofundis.wordpress.com/

22.09.2012 – »Marsch für das Leben« – What the fuck!

Kundgebungen

Samstag, 22.09.2012, 12:30 Uhr:
“Gegen christlichen Fundamentalismus und Abtreibungsverbote”
Ort: Otto-von-Bismarck-Allee Ecke Willi-Brandt-Straße (Nähe Kanzler_innen-Amt)

Weiteres unter https://no218nofundis.wordpress.com/